Nachruf Dieter Schrage |
| Ornette Novotny |
Webtext |
Bekanntlich ist Dieter Schrage am Mittwoch, den 29. Juni 2011 an einem Herzstillstand verstorben. In der Tat war mir kein anderer Politiker oder Künstler so nahe gestanden wie Dieter Schrage. Er kannte mich schon von meiner Jugend her, weil er mit meinem Vater, Fritz Novotny, wegen seiner Konzerte etwas zu tun hatte. Dieter Schrage lud mich und meine Eltern einmal Mitte der 1970er-Jahre in die alte (größere) Arena ein, welche später geräumt wurde, und seit Mitte der 1980er-Jahre sah ich ihn auch bei den Grünen, dann in der GE/AUGE, beim TATblatt, im TÜWI, im EKH, im WUK, bei der Gruppe Freiraum im alten AKH, auf den Opernballdemos und vielen anderen Demos, im V.E.K.K.S., beim Volxtheater, natürlich auch in der "Wienzeile", in der Wagenburg in Simmering, beim Bahnhof Stammersdorf und etwa drei Mal machte er auch Lesungen bei meinen Eisenbahnwaggons in Strasshof, zuletzt voriges Jahr. Dieter Schrage, 1935 im deutschen Hagen geboren und promovierter Kulturphilosoph, zeitlebens ein politisch denkender und agierender Mensch, ein bekennender Linker, der 1968 mit der Außerparlamentarischen Opposition sympathisierte, in der Wiener Arena-Bewegung aktiv war und seit Mitte der 1980er-Jahre seine politische Heimat bei den Grünen sah. Nach seiner Übersiedlung nach Wien 1960 arbeitete er zunächst selber künstlerisch als Keramiker, ehe er 1969 kunstberatend für die damalige Zentralsparkasse der Gemeinde Wien tätig war und dieser die Gründung eines Kunstfonds empfahl. Dieter Schrage hatte Lehraufträge an Universitäten und Kunsthochschulen in Wien und Salzburg. Fast zwanzig Jahre war er Kurator im Museum für Moderne Kunst im Palais Liechtenstein, war verantwortlich für viele bahnbrechende Ausstellungen in dessen Dependance im 20er Haus, prägte gemeinsam mit dem damaligen Museumsdirektor Dieter Ronte Kunst und Kunstverständnis einer ganzen Generation. Schrages Interesse galt dem Rand- und Aufständigen, dem (künstlerischen) Widerstand, der Sub- und Trivialkultur, nicht dem gefälligen Mainstream. "In unserer Gesellschaft", sagte er in einem Online-Interview, "gibt es 'die Kultur' nicht. Es gibt eine Vielzahl von Kulturen, die dominierende ist die Hochkultur. (...) Ich sage keinesfalls, dass sie weg soll. Sie war immerhin mein Arbeitsfeld. Aber auf Dauer war mir das zu einseitig. Deswegen habe ich auch damit aufgehört, herkömmliche Vorträge über Kunst zu machen." Stattdessen führte er Obdachlose durch Museen, hielt Vorträge über Comics, Graffiti, Punk - "über eine Kultur, die populär, leicht zugänglich, leicht verständlich und auch leicht finanzierbar ist". Dass ihm aufgrund einer schweren Erkrankung 1989 der eine und 1992 der zweite Fuß amputiert werden musste, bremste das soziale Engagement des lebenslangen Revoluzzers nicht. Im Gegenteil, 1992 gründete er die Pierre-Ramus-Gesellschaft, um an den, wie er sagte, "für die internationale Szene bedeutendsten aus Österreich stammenden Anarchisten" zu erinnern. Dieter Schrage starb am Mittwoch, den 29. Juni 2011, nur einen Tag nach seinem 76. Geburtstag, überraschend an einem Herzstillstand. Am Abend des Mittwoch, den 29. Juni 2011 wollte ich den Dieter Schrage anrufen, da hob seine Frau Margit ab, sie sagte zu mir am Telefon: "Der Dieter kommt nicht mehr, der ist gestorben!" Ich habe dann die traurige Nachricht über das Internet beziehungsweise Facebook weitergeleitet an alle, die es mitbekommen müssen, dass unser alter Freund und Genosse Dieter Schrage heute verstorben ist, viele Freunde von uns erfuhren die Todesnachricht von mir als Erstes oder nur von mir. Das letzte Telefonat von mir mit Dieter Schrage war am Montag, den 27. Juni 2011, Thema waren die Gleise der Firma Holcim in der Waldmühle. Dieter hatte mir am Montag noch gesagt, dass die Holcim die Schienen nicht verkaufen will, und ich fragte ihn, ob er für mich nochmals einen Anruf bei der Firma Holcim in der Waldmühle machen könnte. Gestern erreichte ich ihn nicht. Und nun ist er gestorben…. Beim Begräbnis von Dieter Schrage am 12. 7. 2011 auf dem Penzinger Friedhof waren mein Vater und viele Freunde und Bekannte, viele Grüne, sogar Karl Öllinger und Peter Pilz, einige SPÖler, darunter der Bezirksvorsteher von Penzing. Ich sah diesen bereits auf dem Hinweg zum Penzinger Friedhof, beim Kinderspielplatz. Da war das Tor abgesperrt und der Bezirksvorsteher und seine beiden weiblichen Begleiterinnen wussten nicht, wie man weitergehen soll. Da sagte ich zum Bezirksvorsteher, gehen wir einfach über den kaum einen Meter hohen Zaun drüber, und dann machten ich und die anderen es auch vor. Also was größere Kinder tun können, müsste auch ein Bezirksvorsteher tun können. Ab 7. Juli wurde der Lobmeyr-Hof (Roseggergasse 1-7) in Wien-Ottakring für einige Tage besetzt. Die HausbesetzerInnen wollten den Lobmeyr-Hof in Dieter Schrage-Hof umbenennen. Daraus wurde nichts, denn der Lobmeyr-Hof wurde geräumt. |

