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BLACKFLAG IX

BLACKFLAG IX
DIE GEISTERPIRATEN VON DER FILTHY DUTCHMAN

Gesichtet von einem norwegischen Polizeipatrouillenboot schält sich aus den Nebelschwaden im Nordatlantik eine Fregatte deren Bordwand die Lettern FILTHY DUTCHMAN trägt.
Am Bug die phosphoreszierenden Totenköpfe und skelettierten Klappergestelle von Steuermann Barclay Hirnriss, geflankt von Tschingun, Navigator ins Jenseits, sowie Tellyrius Frechynski, dem weinstarren 1. Offizier, und auf anderer Seite vom ägyptischen Admiral Mahmud Zackling sowie dem rekonvaleszenten Obermaat Wodan Gerwulf.
Der mit gründunklem Algenring um den Schädel geschmückte Jesuitendichter verkündete: „Wir werden die Städte auf unsere höchst individuelle Art plündern! Denn unsere Mannschaft ist zu klein als dass es für einen Universalüberfall reicht, wie früher bei den spanischen Inquisitoren!“
Mahmud Zackling: „Du hast dich sowieso für die Moderne entschieden, Max! Das trotz deinem Freund Jogandino! Wo steckt unser Naturapostel überhaupt?“ schaute sich der Admiral um.
“Meine Moderne ist, die Literatursteuer einzuholen!“ spulte Tellyrius seinen Text runter. „Das ist wohl das Wenigste was man für seine Arbeit verlangen kann!“
„Immerhin haben wir ganze Bibliotheken von Restbeständen gebundener Bücher ausgeräumt“, rührte sich der obig zahnlose Steuermann Barclay Hirnriss.
Tellyrius mit grimmiger Miene: „Zu Recht! Die müssen unter die Menschheit gelangen bevor sie museal verkommen!“
„Richtig!“ bestätigte der herangetretene mit Muschelhalsband behangene Schiffsguru Jogandino. „Wir müssen etwas für die Weiterentwicklung der Menschen tun!“
„Gut so!“ stimmte dem Tellyrius bei. „Man kann dies nicht den Atheisten um Tschingun herum überlassen!“
Sein Yogi: „Eben! Wir sollten die Bücher aussuchen die den Menschen eine ganzheitliche Sicht vermitteln!“
Der Gott der verwilderten Ordnung, der Natur, dachte Gerwulf. Ihn schmückte ein um Hüften geschlungenes Seeschlangengerippe. „Niemand kann Menschen vorschreiben was sie lesen, Jogandino! Sonst werden wieder Bücher verbrannt und Menschenmassen vernichtet!“
Dem Schiffsprediger entfuhr eine unwillige Geste die ein über Bord werfen des respektlosen Wikingers andeutete. Der zuckte gelassen mit schalem Zug um die Lippen die Achseln.
„Ihr seid alle so gescheit!“ verteidigte Tellyrius seinen Glaubenskollegen. „Aber in der Verkaufswelt bin ich der Fähigste! Ohne mich könnt ihr das Schiff gleich selbstversenken!“
„Nimm den Mund nicht so voll, Knochenmann!“ schmiss sich Gerwulf eine Antidepressiva Tablette zwischen die Zahnlücken. „Du bist nicht der Bruder in der Not!“
„Sein nicht löschbarer Durst hat immer Vorrang!“ warf Tschingun ein.
Tellyrius hatte karge Monate auf einer winzigen Insel im Atlantik hinter sich. Die Justiz Interlands hatte den Piraten ausgesetzt der ein Handelsschiff gekapert und Ladungen geenterter Schiffe in Häfen verscherbelt hatte. Neben Lebensmittel wurde ihm täglich Wein von einem grün beschürzten Kellermeister durch eine Falltür auf die Oberfläche der Insel gebracht. Das Jahrhunderttalent des Schriftenverbreiters durfte man nicht verdursten lassen.
Schließlich nahm die vorbeikommende FILTHY DUTCHMAN den verbannten Seemannsjesuiten auf. Max Tellyrius war gerettet und es drängte ihn wieder zu Ufern und Hafenkneipen.
Allerdings taumelte die Führungselite einst verwegener Piraten übers Deck: Hirnriss hatte das Steuer überhaupt nicht im Griff. Zackling saugte ein Alien das Blut aus den Adern. Tschinguns Routenberechnungen jagten seine entschwundenen Weiber. Tellyrius stapfte tagsüber steif vor Grog über die Planken und war jeweils zu Abendbeginn schlafreif gesoffen. Gerwulf war bis zum Nachmittag in Medikamentenwolken. Kurzum, die Schiffscrew hatte sich inzwischen als Geisterkommando auf Hoher See etabliert.
„Wer ein Krieger ist, gibt nicht auf!“ beschwor Tellyrius mit entschlossenem Blick. „Niemals!“ Die geballte Faust krachte auf Holz.
Jogandino schmunzelte. Das war ganzheitlich in seinem Sinne als Überzeugungsphilosoph & Seelenfänger. Barclay schaute glasig aus seinem Totenschädel. Ihn musste man schubsen damit seine Lethargie verschwand. Dann allerdings vermochte niemand seinen Redeschwall zu stoppen. Mahmuds feine Lippen zierte das übliche schmale Grinsen. Des Jesuitendichters Sprüche kommentierte er nicht. Wodan dachte an seine bei der Schwester zurückgelassenen Hunde.
Solche Kampfansagen vertrugen sich nicht mit Tschinguns Phlegma. „Früher hast du weniger Ankündigungspolitik betrieben und mehr durch Taten geglänzt“, verkniff sich der Navigator nicht zu sagen.
„WASSS? Du wirst gleich sehen wer die nächste Ladung absetzt! Ich schreib noch einen Bestseller über meine Seeabenteuer und meine Handelsbeziehungen und Verkaufstätigkeiten in den Kulturzentren ihrer Hafenstädte!“
„Das lieber nicht, sonst bist du wegen Steuerhinterziehung dran!“ warnte ihn Tschingun.
„Ach was!“ winkte der Jesuitendichter ab. „Kultur ist frei! Der Staat kann nicht alles belehnen! Er darf es fördern. Denn nach Nietzsches Werteskala stehen die Künstler an erster Stelle in der Gesellschaft der Menschheit. Sogar noch vor den Philosophen!“
„Nietzsche war mehr Künstler als Philosoph“, meldete Tschingun an. „Er war ein unsystematischer Denker, das macht ihn sympathisch. Was brauch ich einen Philosophen der mir sein System aufmotzt? Das ergibt sich beim höheren Menschen von selbst, durch seine Evolution!“
„Seine Seele“, bemerkte Jogandino, und lächelte dem Navigator zu. „Hast du eine Seele, Tschingun?“
„Frag lieber warum ich mit euch auf diesem Geisterschiff gelandet bin! Irgendwas ist da schief gelaufen bei uns allen. Das zu eruieren wäre die Aufgabe des Schiffsschreibers. Aber niemand hat so richtige Lust und Disziplin dazu, scheint mir!“
„Dann übernimm doch du das doch gleich selbst! Als Navigator machst du sowieso deine Aufzeichnungen. Das liegt doch in der Nähe.“
„Ja“, meinte Barclay. „Du bist ein Abenteuerschriftsteller, Tschingun! Schreib spannende Geschichten über uns. Mach uns zu Lebzeiten zu Legenden!“
„Sind wir das nicht längst? Nur sind leider keine Frauen an Bord und wir wixen alle bloß in den Kajüten, schade um unser Piratensperma!“ klagte Mahmud.
Tschingun: „Die Weiber haben uns im Stich gelassen! Kein Wunder, wir sind unstete Abenteurer, keine verlässlichen Lebenspartner! Uns schmeißen sie weg noch unter einem Jahr weil wir nur saufen, ficken und schlafen wollen! Oder können!“
Zackling nahm die Gelegenheit wahr dem Schiffsguru Lob zu hudeln: „Ausgenommen Jogandino! Der weiß was eine sinnvolle Partnerschaft ist!“
„Seine Frau wird ihm ewig dankbar sein!“ träumte Tellyrius dass ihm so was auch widerführe.
Tschingun: „Was macht deine Verlobte, Max? Ist sie wieder zu ihrem Mann zurückgekehrt?“
„Ich schicke den senegalesischen Königssohn nach Afrika zurück!“ zischte der Maat, den skelettierten Kopf nach vorn geprescht wie eine wütende Kobra.
„Leider zu spät, er hat einen europäischen Pass!“
„Na und? Es gibt einen Geheimdienst der das auf seine Weise erledigt!“
„Jetzt kopierst du deinen Freund, den Baron Besovsky!“
„Na, dir ist auch die Frau abgehauen, Tschingun! Die hat sich doch wieder einen Landsmann angelacht? Ist in die heimatliche Arme zurückgekehrt, oder?“
„Die hat sich wieder dem mazedonischen Gärtner unterworfen? Damit sie dich endlich verlassen konnte. Der Mann am Balkan ist König, hab ich mir sagen lassen!“ blökte Wodan Gerwulf.
„Mach mich nicht traurig! Frauen stehen halt nicht nur auf Sex!“ schlapperte der seelenlose Angesprochene betreten.
„Aber wenn sie keinen haben, jammern sie über uns!“ konstatierte der einsame Ägypter. „Somit sind wir die Unfähigen weil wir es nicht schaffen sie rumzukriegen!“
„Wer sich zu oft besäuft, verliert nicht nur den Verstand sondern auch die Lust! Alles geht abhanden, nichts kann ihn mehr freuen, nicht mal ein praller Frauenarsch!“
„Ein Polizeiboot!“ krächzte der aufmerksame Barclay Hirnris, „Habt ihr alle Drogen versteckt? Oder sollen wir gleich wieder im Nebel verschwinden?“
Admiral Zacklings Augenhöhlen fixieren den zahnlosen Steuermann: „Ruf Neptun an, oder gleich die Meeresgöttin Sedna! Sie ist uns gewogen seit ich das Schiff leite. Ich übernehm derweil das Steuer. Los, gib einen Funk! Sie soll uns am Meeresboden empfangen.“
Das Polizeipatrouillenboot näherte sich mit großer Geschwindigkeit. Auf der Kommandobrücke der FILTHY DUTCHMAN schepperten die nervösen Knochenmänner.
Tschingun: „Sie haben unsere Brennköpfe gesichtet! Uns sicher als Skelette identifiziert! Die kriegen entweder alle den Infarkt oder mähen uns mit MG-Salven doppelt ins Jenseits!“ Klappert Mahmud Zackling an: „Los, Tränengasdrüsen auf, Admiral! Wir vernebeln uns und gehen vorübergehend auf Grund!“
„Aye, Aye, Sir! Auf deine Verantwortung! Putzen wir sie weg haben wir Verstärkung! Dann könnten wir gleich mit ihnen pokern und Grog saufen!“
„Tschingun war immer ein Humanist! Er will keine unnötigen Toten. Habt ihr das noch nicht mitgekriegt?“ meldete Gerwulf an.
Der Navigator winkte ab: „Das ist es weniger! Aber sprengen wir sie in die Luft gibt es keine Skelette mehr! Womit sollen sie dann ihre Karten halten?“

Diese Erzählung ist frei erfunden. Jedwede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen unmöglich.

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