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DIE BERÜCHTIGTE HAFENINSPEKTORIN WELLER INSPIZIERT DIE BLACK FLAG

DIE BERÜCHTIGTE HAFENINSPEKTORIN WELLER INSPIZIERT DIE BLACK FLAG
BLACK FLAG XII

Noch als Frau Magister hatte sie für einen mutmaßlichen Serienmörder Herz gezeigt und ihre Person der Rezeption des Boulevards ausgeliefert. Der nahm die noch pummelige Anwaltsanwärterin ordentlich aufs Korn. Mit seiner Hilfe wurde sie zur romantischen Jungjuristin, die sich für den berüchtigten Sexualtäter einsetzte. Frau Wellers Sache war dabei, sich über die Vorverurteilung durch Medien und Gericht zu erregen. Tatsächlich hatte Ricky Mitterlechner partout keine Chance, dem Urteil LEBENSLÄNGLICH zu entgehen, ob und in welchen und wie vielen Fällen er gemordet hatte oder nicht.
„Sicherlich hat er den Mord seinerzeit begangen. Aber dafür hat er auch 13 Jahre gebüßt. Er war auf Bewährung draußen. Nachdem sie ihn wieder verhaftet hatten, war es aus. Das wusste der genau.“
„Was? Dass er nie wieder raus käme?“
„Ja sicher. Deshalb hat er sich erhängt!“
„Gehen wir davon aus, dass er es doch selbst war!“
Über ihre Besuche an der Seite von Tsin Gun waren der Schiffsinspektorin von der Einwandererbehörde, Agnes Weller, einige Gesichter der BLACK FLAG aus früheren Tagen bekannt.
Den Admiral Mahmud Zackling schätzte sie als skrupellosen Dauerverbraucher fast ausschließlich fremder Finanzen.
„Herr Admiral“, sonorte sie süffisant, „Sie sind ein bemerkenswerter Mann. Trotzdem haben Sie Ihr Schiff hierher ins Unglück gelotst. Wäre doch Ihre Aufgabe als Militärchef der Fregatte gewesen, Schiff und Besatzung davor zu bewahren, oder?“
„Aber ich habe hier auf der Fregatte nicht Universalrecht“, konterte der redegewandte Ägypter.
„Gar nichts haben Sie als Schiffsadmiral getan, Herr Zackling! Sie haben stumm zugeschaut wie die BLACK FLAG in ihr Verderben fährt!“
„Aber dafür ist doch der Steuermann veranwortlich. Und der Navigator“, stammelte Mahmud Zackling.
„Unterlassene Hilfeleistung!“ konstatierte die Schiffsinspektorin. Sie befahl ihren beiden uniformierten Begleitern: „Führt ihn ab in den Hafenkutter! Aber kommt sofort wieder! Ich werd mich derweil mit den anderen beschäftigen!“
Kräftige Arme packten den schmächtigen Admiral. „Kommen Sie, Admiral! Sie werden Kaffee und was zu essen kriegen!“
Frau Weller inspizierte den ihr gut bekannten Navigator. „Was ist Ihnen eingefallen, Herr Tsin Gun? Sie wissen, dass Sie sich strafbar machen, wenn Sie illegal Flüchtlinge transportieren! Können Sie die Strafe bezahlen? Nein? Dann ist Ihr Schiff beschlagnahmt und Sie müssen sehen, wie Sie und Ihre Mannschaft so weiterkommen!“
Tsin Guns Gehirn brodelte. Warum hast du sie nicht über Bord ins Meer werfen lassen, mein Alter? Das hätte den Ärger erspart. Vor allem Kosten, und an dem Schiff hängst du doch, an der legendären BLACK FLAG! Er wusste, alle in Europa dachten so. Sie hielten sich seit den Römern für die elitäre Spezies, das Absolute der Menschheit. Der Rest auf dem Globus war ihnen wurscht. Als Hauptgegner sahen sie die überm Atlantik und die hinterm Ural, und neuerdings auch die südlich, auf dem schwarzen Kontinent.
„Was ist mit den Frauen, was haben die gemacht? Raus mit der Sprache!“
„Unsere Schiffsoffizierinnen?“ fragte der Maat. „Sie haben die schwarzen Ladies gefunden. Die haben sie selbst an Bord geschmuggelt, weil sie einen Swingerclub zum Vergnügen der Besatzung einrichten wollten!“
So! Tellyrius correctus. Die Weller wird durchgreifen. Sie musterte das Frauentrio mit amüsiertem Zug um die schmalen Lippen. „Also die Damen, wer dachte so was? Wer von euch Hübschen ist auf die mitfühlende Idee für die armen Männer gekommen? Wer hat so viel Mitleid mit den Barbaren, oder wie nennt man diese Crew sonst?“
Schweigen. Die beiden Uniformierten kehrten zurück. Ylona Kiro raffte sich auf: „Ich wars! Sie haben mir leid getan, mit ihren ewigen Anmachereien! Ich hab einen Mutter Theresa Komplex gekriegt, das wars!“
„Aber selbst wolltest du es nicht machen, daher hast du die schwarzen Mädels mit einem Gegengeschäft angeheuert?“ griff Wodan Gerwulf die Frau an. „Du hast sie abgecasht, du Schlange!“
Tsin Gun verkniff sich einzuwerfen, dass der Steuermann wohl der geschickteste Finanzier seiner selbst auf dem Schiff war. Er hatte dennoch Recht. Aber war einer von ihnen ein Unschuldslamm? Die ganze Sache kam ihm vor wie ein Gerichtsverfahren, mit der Weller als Vorsitzender. Die schaute sich nach ihren beiden männlichen Schergen um.
„Nehmt die Frau fest und bringt sie in den Arrest! Aber nicht in die Zelle mit dem Admiral, sonst ficken die auch noch! Sie soll sich lieber was zu ihrer Verteidigung überlegen, einen Anwalt checken! Was haben wir für Paragrafen: Menschenschmuggel, Prostitution, das reicht fürs erste. Abführen!“
Dr. Weller knöpfte sich den Steuermann vor. Der wirkte durch sein Körpergewicht und die herbe Männlichkeit auf sie abschreckend und anziehend. „Herr Gerwulf, Sie als Steuermann kamen nicht auf die Idee, das Ganze zu lassen? Sie müssen doch eigentlich bemerkt haben, dass was faul dran war?“
„Ja, was denn?“ konterte der Wikinger unwirsch. „Ich war meistens im Steuerhäuschen, eigentlich immer, wenn ich nicht schlief. Ich sauf ja nicht, wie die anderen! Dadurch entgeht mir halt manches!“
„Na gut! Ich kann nicht das Gegenteil beweisen, so lang niemand redet. Vielleicht haben Sie Infos von anderen gekiegt, die Damen scheinen sich mit Ihnen nicht sonderlich zu verstehen. Lassen wirs dabei! Wie steht‘s mit Ihnen, Navigator? Soll ich Sie auch festnehmen lassen?“
Der lächelte gequält. „Ich bin immerhin teilhabender Schiffseigner und schon so gestraft genug!“
„In Anbetracht der Verhältnisse...“, sinnierte die Schiffsinspektorin. Sie schaute sich nach dem Crewrest um. „Wen haben wir sonst noch? Ah, Herr Tulpenzopf, mehrfach in Gewahrsam genommen wegen unzüchtiger Handlungen, Erregung öffentlichen Ärgernisses und so weiter! Wahrscheinlich auch involviert in den jetzigen Fall?“
„Mir können Sie nix andrehn, Sie!“ zischte der Matrose. „Ich kenne Sie von Grado! Sie waren doch dort Verteidigerin von dem Serienmörder Mitterlechner, oder? Die Kleinen einsperren und die Großen verschonen! Das ist doch die Taktik von euch Justizlern, stimmt‘s?“
„Mäßigen Sie sich, Tulpenzopf!“ Der ehemaligen Rechtsanwältin schien die Erwähnung peinlich. „Wir warten ab, was Frau Kiro zu dem Ganzen zu sagen hat! Dann kommen wir auf Sie zurück! Einstweilen halten Sie sich zur Verfügung!“ Mit Blick auf Tsin Gun: „Der Kapitän ist also nicht an Bord? Wusste er von der Sache mit den angeblich blinden Passagieren?“
Der Navigator schüttelte den Kopf. „Kann ich mir schwer vorstellen! Wenn er keine Absprache mit Ylona Kiro hatte?“
„Nehmen wir’s mal nicht an! Gut, Sie alle können das Schiff verlassen!“ An Tsin Gun: „Wir nehmen die Schiffspapiere auf! Die BLACK FLAG ist beschlagnahmt, bis Sie die Strafe für die Beförderung der illegalen Passagiere bezahlt haben! Die goldene Handelsfracht dürfte Ihnen ja nicht zuteil geworden sein. Nehmen Sie’s nicht tragisch, Navigator! Ihren Kapitän wird’s nicht freuen, sicher nicht! Am besten, Sie rufen ihn gleich an! Ist er Mitinhaber? Na, dann schauen wir uns mal die Besatzungsliste an, und was Sie sonst noch befördert haben!“
Die Besatzungsmitglieder hatten sich langsam entfernt. Keinem schien es jetzt noch wirklich gut zu gehen. Sie fühlten einen Abschied, für längere Zeit, oder sogar für immer.
Tsin Gun, der Navigator und teilhabende Schiffseigner, führte die Weller in die Kapitänskajüte. War es das, wie man einer alten Freundin wieder begegnete? Er hätte sich’s anders vorgestellt. Aber er hatte vor mehreren Wochen gehört, dass sie hier den Job bei der Hafenbehörde angenommen hatte. Dass sie denselben innehatte, der seinem Schiff und der Mannschaft nun zum Verhängnis werden würde, hatte er nicht bedacht. Aber wie naiv von ihm, sie war Rechtsvertreterin, seit sie sich kannten.
Der Schiffsleader fühlte sich ausgelaugt. Noch war er nicht alt genug, um nicht einen neuen Lebensabschnitt anzugehen. Dieser wurde notwendig, wie es vom heutigen Tag an schien.
„Sie sollten sich einen anderen Job suchen, Tsin Gun! Oder einfach um Pension ansuchen und eine Ukrainerin heiraten. Oder Moldawierin, Russinnen sind schon verwöhnter! Halt eine, die Sie auf Ihre alten Tage versorgt und sie anhält, dass Sie ihre Seeräubergeschichten schreiben! Einen Joseph Conrad oder Melville gibts heute nicht mehr, das waren noch echte Kerle! Jetzt müssen Sie einspringen, als der digitale Kapazunder! Das ist heute gefragt, nichts sonst! Wie hat dieser österreichische Zuckerbäcker gesungen: DIE ABENTEUER SIND IM KOPF! Also ziehen Sie einen Schlussstrich durch Ihr vergeudetes Navigatorleben! Das geht heute soundso alles automatisch. Nicht aber, was Ihr Gehirn noch zustande bringen kann, nicht wahr? Das ist es, was die Menschheit braucht, von Ihnen, Ihr absonderliches originelles Gehirn, die Beschreibung offener Piraterie rund um den Globus, die literarische Darstellung sexueller Glanztaten, die Verdammnis der letzten Antibürger, und wenn’s nur die Säufereien Ihrer Matrosenbrigade sind, Tsin Gun, es wird die Spießer wenigstens zeitweise aus Ihrer Lethargie reißen!“
Bei dem Wortschwall muss was dran sein, dachte der Navigator. Einst hatte sie ihm einen gelutscht, in ihrem Auto. Das war über ein Dutzend Jahre her. Aber ihre Freundschaft hatte diese Intimität nicht vernichtet. Sie respektierten einander allein schon aus ihrer beider Respektarmut gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft. Zwar gehörte die Anwältin dieser an, und nützte sie zu ihrem persönlichen Vorteil, oder weil es angenehmer für sie war, in ihr zu existieren als abseits von ihr. Dazu hatte sie ihre Karriere eingeschlagen und diese bewahrte sie vor Abstürzen, die ihren lieben Freund in relativ geringen Abständen immer wieder einholten.

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